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Hildegard von Bingen und die Kräuter

Hildegard von Bingen – ein Name der unweigerlich mit der Heilkunde verbunden ist. Auch heute noch beschäftigen sich viele Menschen mit ihren Werken und Überlieferungen. Hierzu zählen u.a. Heilpraktikern, Ärzten, Botaniker, Esoterikern oder auch Chronisch Kranke. Hildegard von Bingen hat die Heilkunde ihrer Zeit revolutioniert. Dabei hat sie sich nicht unbedingt mit eigenen Entdeckungen gerühmt oder eigene Verfahren entwickelt. Vielmehr hat sie das Wissen ihrer Zeit aus der damals bekannten Welt zusammengetragen.


Das Leben der Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen wurde im Jahr 1098 im rheinland-pfälzischen Bermersheim (vermutlich!) geboren. Die Tochter einer wohlhabenden Familie wurde bereits als kleines Mädchen mit acht Jahren ins Kloster geschickt. Hier wurde sie in die Obhut der damaligen Äbtissin Jutta von Sponheim gegeben. Das Kloster Disibodenberg – etwa 60 km entfernt von ihrem Heimatort – sollte von nun an für viele Jahrzehnte das neue Zuhause von Hildegard sein.




Mit dem Eintritt ins Kloster begann Hildegard, erste Visionen wahrzunehmen – eine Fähigkeit, die ihr 1147 offiziell von Papst Eugen anerkannt wurde. Hierzu muss jedoch angemerkt werden, dass Hildegard von Bingen nicht nur Freunde im Kirchenwesen hatte. Sie musste sich teils gegen viele Widerstände in Kirche wehren. Fünf Jahre nach dem Klosterbeitritt legte Hildegard ihr Gelübde ab und wird zudem Ordensfrau des Heiligen Benedikt. Nach dem Tod von Jutta von Sponheim wurde sie von ihren Schwestern im Jahr 1136 zur Magistra gewählt.


Mit 52 Jahren kehrt Hildegard von Bingen dem Kloster Disibodenberg den Rücken zu. Stattdessen gründet sie auf dem Rupertsberg in Bingen am Rhein ihr eigenes Kloster. Seit 1165 ist dieses als Kloster Eibingen, noch mehr aber unter dem Namen Abtei St. Hildegard, bekannt. 81-jährig verstirbt Hildegard von Bingen am 17. September 1179 hier.


Heilen mit Steinen, Metallen und Pflanzen

Neben ihrer gottzugewandten Arbeit war Hildegard von Bingen auch als Heilkundige tätig. Ihre medizinischen Schriften sind heute noch bekannt, wobei die bedeutendsten unter den Titeln „Causae et Curae“ sowie „Physica“ geführt werden.


Hauptinhalt von Causae et Curae (zu deutsch: Ursache und Behandlung) ist die Entstehung von Krankheiten. Hildegard von Bingen lässt dabei religiöse Faktoren (z.B. Unsittlichkeit) mit medizinisch bedeutsamen Faktoren – Ernährung, Fasten und Ausleitungsverfahren – verschmelzen. Die genannten vier Säulen bilden das Gerüst der menschlichen Gesundheit; eine Krankheit entsteht laut Hildegard von Bingen dann, wenn sich ein Ungleichgewicht einstellt.




Wie die Krankheiten behandelt werden, dazu äußerst sich Hildegard von Bingen in Physica – dem thematischen Heilbuch. Das Opus ist in neun Teile untergliedert, die sich jeweils mit den heilenden „Arzneien“ befassen. Namentlich handelt es sich dabei um Pflanzen, Elemente, Bäume, Edelsteine, Fische, Vögel, Tiere, Reptilien und Metalle, die zur Heilung herangezogen werden. Detailliert schildert Hildegard von Bingen, wie welches Mittel auf welchen physischen und psychischen Zustand wirkt.


Die Erkenntnis, dass der Meinung von Hildegard von Bingen zufolge Pflanzen, Edelsteine und einige Metalle geeignet sind, bei Krankheiten Linderung zu verschaffen, erhielt sie nicht nur über den Weg ihrer Visionen. Auch beruft sie sich in ihren Schilderungen auf althergebrachtes medizinisches Wissen sowie traditionelle und bewährte Anwendungen von Kräutern.


Wesentlich für ihre Heilkunde ist die Humoralpathologie, oder auch Viersäftelehre – einer frühen Lehre, die aus dem Corpus Hippocraticum, einem Kompendium medizinischen Wissens aus dem 5. bis 2. Jahrhundert v.Chr., stammt. Demnach durchströmen den menschlichen Körper, einschließlich Nervensystem und Blutbahnen: Blut, Galle, Schwarzgalle und Schleim.


Darauf stützen sich auch spätere Aussagen des griechischen Arztes Galenos von Pergamon (kurz: Galen). Die Grundaussage seines Konzeptes ist, dass derjenige gesund ist, dessen Säfte sich im Gleichgewicht befinden (sog. Zustand der Eukrase). Anders sieht es bei der Dyskrase aus; die Balance ist unausgeglichen und der Mensch wird krank. Damit der Patient wieder gesund wird, gilt es die Waage auszugleichen und ihm laut Galen die Arznei zuzuführen, die für den Ausgleich fehlt.


Welcher Saft bei Krankheit im Körper des Patienten fehlt und Grund für das Ungleichgewicht der Säfte verantwortlich ist, lässt sich nach den frühen Heilkundigen anhand des Charakters, Eigenschaften und dem Temperament feststellen.


In ihren Untersuchungen betrachtete Hildegard von Bingen etwa 200 Pflanzen, darunter unzählige Kräuter. Einige von ihnen werden heute noch verwendet, da eine pharmakologische Wirksamkeit bestätigt wurde. Andere Pflanzen und Kräuter sind heute nicht mehr bekannt oder es lässt sich nicht herausfinden, ob die Pflanze heutzutage unter einem anderen Namen oder gar nicht mehr existiert.


Allerdings mahnt Hildegard von Bingen zur Vorsicht im Umgang mit Kräutern als Medizin. Speziell die Kräfte der Kräuter (u.a. ätherische Öle) können schnell ins Gegenteil umschlagen und mit mehr Leid als Linderung einhergehen. In der richtigen Dosierung über eine kurze Zeit eingenommen, können nach Hildegard von Bingens Ansicht ausgewählte Kräuter bei bestimmten Krankheiten helfen.


Die Pflanzenheilkunde nach Hildegard von Bingen ist aber nicht nur auf Kräuter als Allheilmittel ausgelegt. Sie betont, dass für die allgemeine Gesundheit neben der richtigen Arznei auch Ernährung, gottesfürchtiges Verhalten, Fasten und Ausleitungsverfahren (Aderlass) entscheidend sind.

Hildegard von Bingens Heilkräuter

Viele der beschriebenen Hildegard-Kräuter sind heute noch in der Phytotherapie von Bedeutung. Anderen Kräutern konnte keine Wirksamkeit zugeschrieben werden, oder sind in anderen Fällen wirksamer als Hildegard von Bingen es ursprünglich vorgesehen hatte.


Dass nicht alle zu ihrer Zeit bekannten Kräuter in der Hildegard-Medizin als Heilpflanze verwendet wurden, liegt daran, dass Hildegard von Bingen jedem Kraut eine Temperatur (warm und kalt) und einen Grad der Feuchtigkeit (feucht und trocken) zuschrieb. Einige Kräuter ließen sich keiner dieser Kategorien zuordnen, weshalb sie laut Hildegard von Bingen bei Krankheiten nutzlos sind oder Schaden anrichten. Deshalb bezog sich die Naturheilkundlerin bei den Diagnosen auf die o.g. Konstitutionstypen und richtete sich in ihren Empfehlungen nach der Temperatur und Feuchte des Kranken.


Gemäß dem Motto „gegen jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen“ hielt Hildegard von Bingen mit ihrer Kräuterapotheke diverse Kräuter für viele Krankheiten parat. Sie behandelte mit Kräutern nicht nur Erkältungen und Magenprobleme, sondern auch die verschiedensten Schmerzen und entzündliche Krankheiten.


So setzte sie bei Magenschmerzen und Entzündungen der Magenschleimhaut zum Beispiel Beifuß, Brennnessel, Lorbeer und Petersilie ein. Um die Verdauung zu unterstützen, kamen Basilikum, Süßholz und Beifuß zum Einsatz. Kümmel und Ringelblumen erfreuten sich unter den Kräutern als Hilfe gegen Blähungen. Fieber wurde bei Hildegard von Bingen mit Basilikum und Petersilie gesenkt.


Gegen Erkältungen wurde Liebstöckel und Süßholz, Quendel (Wildthymian) verordnet, der besonders bei Husten und Heiserkeit half. Bertram versprach Abhilfe bei Schnupfen und Entzündungen der Atemwege. Probleme mit der Lunge wurden mit Kümmel, Lavendel und Gundermann geheilt. Letzter galt ebenso probat gegen Ohrenschmerzen.


Als Zutat für Stilltees wurde im Kräutergarten Basilikum gesammelt. Kopfschmerzen lösten sich durch die Einnahme von Lorbeer oder Wermut auf, wobei Wermut zusätzlich bei Zahnschmerzen von Bedeutung war. Gegen Nierenprobleme kam Alant zum Einsatz und Lavendel galt bei Hildegard von Bingen als Leberkraut.


Oberflächliche Behandlungen mit Tinkturen oder Umschlägen bei Hautproblemen wurden mit Alant, Quendel und Huflattich gelindert. Wenn sogar Eiter mit im Spiel war und sich Abszesse bildeten, vertraute Hildegard von Bingen auf Eisenkraut. Frische Hautwunden behandelte sie mit einer Tinktur aus Schafgarbe, die auch heute noch als entzündungshemmend gilt. Hautprobleme, die auf Insektenstiche zurückgehen, wurden zu Hildegards Zeiten mit Tinkturen aus Wegerich behandelt.


Depressionen wurden mit wie heute auch noch, mit Johanniskraut, aber auch mit Kampfer und Melisse, Ysop sowie Süßholz behandelt, während die tiefergehende Melancholie mit Wermut bekämpft wurde. Giersch, Petersilie, Salbei, Wegerich und Minze waren Heilkräuter, die nach Hildegard von Bingen zur Behandlung von Gicht verwendet wurden. Ebenso wußte Hildegard von Bingen Lähmungen zu heilen, indem sie den Betroffenen Thymian verordnete.


Wie die Kräuter ihre optimale Wirkung entfalten, beschrieb Hildegard zusätzlich zu den Porträts der Kräuter. Die Rezepte sahen vor, die Heilkräuter in Form von Aufgüssen, Tinkturen, Umschlägen, Salben oder als pulverisierte Zugabe in Wein oder Wasser zu konsumieren.


Neben den Heilkräutern verwendete Hildegard von Bingen auch andere Pflanzen, um Krankheiten zu heilen. Beschrieben wurde von ihr unter anderem die Heilkraft von Obstbäumen – Apfel, Quitte, Birne, Kirsche, Aprikose und Pflaume, Birken, Kastanien, exotischen Pflanzen wie Aloe Vera, Galgant und Ingwer. Aber auch Getreide – allen voran Dinkel, Hafer und Roggen, und Holunder fanden bei ihr Beachtung.


Heutzutage finden nur noch wenige Rezepte von Hildegard von Bingen Beachtung. Hildegard von Bingen behandelte die Kranken ohne genaues Wissen zur Anatomie des Menschen und zu den Inhaltsstoffen von Kräutern. Vieles fußte auf Erfahrung, Beobachtung und Überlieferung. Trotzdem ist Vorsicht im Umgang mit Kräutern geboten, da z.B. in der Schwangerschaft wegen des Risikos der Frühgeburt bestimmte Heilkräuter nicht oder nur eingeschränkt eingenommen werden sollten.


Bei einigen Kräutern hat sich die Wirksamkeit auch wissenschaftlich erwiesen, weshalb bestimmte Kräuter in der Phytotherapie gezielt gegen Probleme und Krankheiten eingesetzt werden. Zu den besten Beispielen zählen entzündungshemmende und hautberuhigende Cremes mit Ringelblume, Pfefferminz- und Kamillentee bei Magenproblemen oder Thymian, Salbei und Spitzwegerich als Zutaten für Hustentees.



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